Jojo Rabbit

Darf man über Adolf Hitler lachen? Die kurze Antwort lautet: JA!

Die Ausführliche: 

Mel Brooks hat in seiner Satire Frühling für Hitler (1967) den Nationalsozialismus aufs Korn genommen, in der Tragikomödie Sein oder Nichtsein (1942) des Berliner Emigranten Ernst Lubitsch geben Mitglieder einer Warschauer Theatertruppe vor, hochrangige Gestapo-Offiziere und NSDAP-Aktivisten und sogar Hitler selbst zu sein. Charlie Chaplin machte in einer Doppelrolle als jüdischer Friseur und dessen Doppelgänger Anton Hynkel in Der große Diktator (1940) aus Hitlers Größenwahn eine Farce und in neuerer Zeit (2012) gab es mit Iron Sky eine Science-Fiction-Komödie des finnischen Regisseurs Timo Vuorensola, um nur einiges zu nennen.

Und vieles an Hitler selbst ist komisch. Sein komischer Bart, die Clips seiner heftigen Reden, seine absolute Besessenheit vom großen, blonden, arischen Ideal, während er selbst dunkelhaarig und mickrig war usw.

 Nun tat es Taika Waititi mit in seinem neuen Film Jojo Rabbit. Der Regisseur von Marvels Thor: Tag der Entscheidung (2017) hat den Führer in eine dümmliche, heulende Figur verwandelt. 

Alles beginnt in den letzten Tagen des schwindenden Dritten Reiches in einer deutschen Provinzst, ist natürlich in der Hitlerjugend engagiert. An dem aufregendsten Morgen, den der junge Johannes „Jojo“ Betzler (Roman Griffin Davis) je hatte, darf er endlich an einem Hitlerjugendlager teilnehmen. Er träumt davon einen Juden selbst zu fangen oder gar zu töten. Jojo ist, wie er selbst zugibt, total in Hakenkreuze verliebt und hat drei Wochen gebraucht, um die Tatsache zu überwinden, dass sein Großvater nicht blond war.

Er lebt zusammen mit seiner Mutter Rosie (Scarlett Johansson) allein zu Haus. Naja, fast allein. Da ist zum Beispiel Jojo’s imaginärer, für andere Menschen unsichtbarer Freund und Ersatzvater, Adolf Hitler (Taika Waititi), der ihm die oft seltsame Welt oder den um ihn herum tobenden Krieg mit platten Parolen sowie rassistischen Scherzen erklärt. Und, da gibt es auch noch die reale, dritte Bewohnerin, Elsa (Thomasin McKenzie), ein jüdisches Mädchen, das von Jojo’s Mutter auf dem Dachboden versteckt gehalten wird.

Durch Zufall entdeckt Jojo sie und will eigentlich sofort die Gestapo alarmieren. Elsa erklärt ihm, dass die dann seine Mama ebenfalls mitnehmen würde. Einerseits wäre es seine Pflicht, die beiden zu verraten, andererseits liebt er seine Mutter über alles. Zudem entspricht Elsa überhaupt nicht dem, was er bisher über Juden gehört hat.

Der Beginn des Films gelingt perfekt, wenn Jojo fröhlich salutierenden durch die Straßen rennt und dazu reale schwarz-weißen Archivaufnahmen von Abertausenden jubelnden Kindern und hysterisch kreischenden Frauen bei Paraden oder öffentlichen Reden Hitlers hinzugefügt werden. Da bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken. Unterlegt sind diese Szenen mit „Komm gib mir deine Hand“, der 1964 von den Beatles aufgenommenen, deutschsprachigen Version ihres Welthits „I Want To Hold Your Hand“. Genial gelungener Effekt, der am Schluss des Films musikalisch mit der Deutschen Version von David Bowies Song Heroes „Helden“ komplettiert wird.

Dazu kommt der äußerst gelungene Cast. Newcomer Roman Griffin Davis (Jojo), der so perfekt unschuldig aussehende Sohn ist ein Glücksfall. Den anspruchsvollsten Part spielt souverän Scarlett Johansson, die hierfür den Oscar für die beste Nebenrolle erhielt. Kaum schlechter sind Thomasin McKenzie (Elsa) sowie der Autor und Regisseur himself, der Hitler spielt. Über weite Strecken des Films steht dem jungen Briten noch der ebenfalls debütierende Archie Yates als sein bester Freund und Schulkamerad Yorki zur Seite.

Rebel Wilson

In weiteren Nebenrollen nicht weniger Grandios: Stephen Merchant, als schmieriger Gestapo-Offizier, Rebel Wilson als urkomische HJ-Ausbilderin und Oscar-Preisträger Sam Rockwell als desillusionierte Hauptmann Klenzendorf, die immer wieder abgefahrene aber auch nachdenklich machende Highlights setzen.

 

Alles in Allem also, ja, man kann und sollte über Adolf Hitler lachen. Taika Waititi’s Film Jojo Rabbit liegt am Rande des Klamauks, schafft es aber auch ernst zu sein und zum Nachdenken anzuregen. Sechs Oscar-Nominierungen sind schon eine große und gerechtfertigte Auszeichnung. Scarlett Johansson hat für den Film einen Oscar gewonnen. Die vom Trailer geschürten Erwartungen werden nicht erfüllt aber in anderer Richtung übertroffen. Macht euch selbst ein Bild. Der Film ist absolut empfehlenswert und einer der lustigsten der letzen 12 Monate. Hätte Kino im Radio eine Bewertungssystem, dann 4,5 von maximal 5 Hasenohren… 😉

Kleiner Tipp: schaut ihn in Originalversion.